Traktion im Schlamm – Rezension zum Wunder von Bern und Adi Dasslers Schraubstollen
Pirmin Sorgatz: Traktion im Schlamm – Die Biomechanik des Wunders von Bern: Adi Dassler, Schraubstollen und der technologische Vorteil der deutschen Fußballweltmeister 1954
Das Wunder von Bern gehört zu den bekanntesten Ereignissen der deutschen Fußballgeschichte. Am 4. Juli 1954 besiegte die deutsche Nationalmannschaft im WM-Finale die favorisierten Ungarn mit 3:2. Bis heute wird über die Gründe für diesen außergewöhnlichen Erfolg diskutiert. In „Traktion im Schlamm“ richtet Pirmin Sorgatz den Blick auf einen Aspekt, der neben Taktik, Mannschaftsleistung und dem berühmten „Fritz-Walter-Wetter“ eine besondere Rolle gespielt haben soll: die Fußballschuhe und ihre Anpassung an die schwierigen Platzverhältnisse.
Worum geht es in „Traktion im Schlamm“?
Pirmin Sorgatz untersucht in seinem Buch die Verbindung von Fußballgeschichte, Biomechanik und Schuhtechnologie. Im Mittelpunkt steht die Frage, welchen Einfluss die Beschaffenheit des Spielfelds auf die Bewegungen der Spieler hatte und warum die deutsche Mannschaft mit den Bedingungen offenbar besser zurechtkam.
Das Finale im Berner Wankdorf-Stadion wurde bei starkem Regen ausgetragen. Der Rasen wurde dadurch schwer und rutschig. Sorgatz stellt diesen Umstand in den Mittelpunkt seiner Betrachtung und verbindet ihn mit der Entwicklung von Fußballschuhen durch Adi Dassler.
Der entscheidende technische Ansatz waren auswechselbare beziehungsweise verschraubbare Stollen, mit denen die Schuhe an die jeweiligen Bodenverhältnisse angepasst werden konnten. Das Buch erklärt, warum eine solche Anpassungsmöglichkeit bei einem aufgeweichten Spielfeld einen erheblichen praktischen Unterschied machen konnte.
Adi Dassler und die Schraubstollen
Ein besonderer Schwerpunkt des Buches liegt auf Adi Dassler, dem späteren Gründer von Adidas. Seine Entwicklung von Fußballschuhen mit austauschbaren Schraubstollen gilt als wichtiger Bestandteil der Geschichte des deutschen Fußballs und der Sportartikelindustrie.
Interessant ist dabei vor allem die Verbindung zwischen technischer Innovation und konkreter sportlicher Situation. Die Idee bestand nicht lediglich darin, einen leichteren oder bequemeren Fußballschuh herzustellen. Vielmehr konnten die Stollen an die Bodenverhältnisse angepasst werden.
Genau hier setzt die biomechanische Betrachtung von Sorgatz an. Traktion bezeichnet vereinfacht die Fähigkeit, zwischen Schuh und Untergrund ausreichend Haftung zu erzeugen. Auf einem trockenen und festen Rasen gelten andere Bedingungen als auf einem aufgeweichten, rutschigen Spielfeld. Die Konstruktion der Schuhsohle kann deshalb unmittelbare Auswirkungen auf Beschleunigung, Richtungswechsel und Standfestigkeit haben.
Das Wunder von Bern aus einer anderen Perspektive
Der Reiz von „Traktion im Schlamm“ liegt darin, dass das Buch das bekannte Fußballereignis nicht ausschließlich sporthistorisch betrachtet. Stattdessen versucht Sorgatz, das Wunder von Bern über die physikalischen Bedingungen des Spiels neu zu erklären.
Damit rückt ein Detail in den Mittelpunkt, das in vielen Darstellungen des WM-Finales nur am Rand vorkommt. Das Wetter war nicht bloß eine atmosphärische Begleiterscheinung. Der nasse Boden beeinflusste die Bewegungsmöglichkeiten beider Mannschaften.
Nach der Darstellung des Buches konnten die deutschen Spieler durch die angepasste Schuhtechnik einen Vorteil bei der Bodenhaftung erzielen, während die ungarische Mannschaft stärker mit den schwierigen Bedingungen zu kämpfen hatte.
Das macht den Ansatz besonders interessant: Ein historischer Fußballerfolg wird nicht nur durch Tore, Taktik und individuelle Klasse betrachtet, sondern auch unter dem Gesichtspunkt von Physik und Technik.
Stärken des Buches
Die größte Stärke von „Traktion im Schlamm“ ist der ungewöhnliche Blickwinkel. Das Wunder von Bern ist vielfach beschrieben worden. Die Verbindung von Fußballgeschichte mit Biomechanik und Schuhentwicklung eröffnet deshalb eine andere Perspektive auf ein bekanntes Ereignis.
Besonders interessant ist die Frage, wie stark technische Details sportliche Leistungen beeinflussen können. Ein Fußballschuh erscheint auf den ersten Blick als Ausrüstungsgegenstand. Unter bestimmten Bedingungen wird er jedoch zu einem wichtigen Bestandteil der sportlichen Leistungsfähigkeit.
Auch die Entwicklungsgeschichte rund um Adi Dassler macht das Thema über das eigentliche WM-Finale hinaus interessant. Das Buch schlägt damit eine Verbindung zwischen Sportgeschichte, deutscher Nachkriegsgeschichte und der Entwicklung moderner Sportausrüstung.
Kritische Betrachtung
Wer eine umfassende Geschichte des Wunders von Bern erwartet, sollte berücksichtigen, dass der Schwerpunkt von Sorgatz deutlich spezieller liegt. Das Buch konzentriert sich auf Technologie, Bodenhaftung, Biomechanik und die Rolle der Fußballschuhe.
Die These eines technologischen Vorteils sollte zudem nicht als alleinige Erklärung für den deutschen Weltmeistertitel verstanden werden. Fußballspiele werden durch zahlreiche Faktoren bestimmt: taktische Entscheidungen, körperliche Verfassung, individuelle Qualität, psychologische Faktoren und nicht zuletzt den Spielverlauf selbst.
Gerade deshalb ist der Ansatz am interessantesten, wenn er als Ergänzung zur klassischen Geschichte des WM-Finales verstanden wird.
Für wen lohnt sich „Traktion im Schlamm“?
Das Buch richtet sich vor allem an Leser, die sich für Fußballgeschichte, das Wunder von Bern, Adi Dassler, Adidas, Sporttechnologie und Biomechanik interessieren. Auch für Leser mit Interesse an deutscher Nachkriegsgeschichte bietet der Titel interessante Anknüpfungspunkte.
Besonders reizvoll ist das Buch für alle, die bekannte historische Ereignisse gerne aus einer ungewöhnlichen Perspektive betrachten. Wer dagegen ausschließlich eine klassische Chronik der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 sucht, dürfte andere Bücher passender finden.
Fazit: Lohnt sich „Traktion im Schlamm“?
„Traktion im Schlamm“ von Pirmin Sorgatz ist eine interessante sporthistorische Untersuchung des Wunders von Bern. Statt die Geschichte des WM-Finales lediglich erneut zu erzählen, stellt das Buch die Frage, welchen Anteil Fußballschuhe, Schraubstollen, Bodenbeschaffenheit und Biomechanik am Erfolg der deutschen Mannschaft gehabt haben könnten.
Gerade diese Verbindung von Fußball und Technik macht den Titel lesenswert. Das Buch zeigt, dass sportliche Erfolge nicht ausschließlich auf Talent und Taktik beruhen, sondern auch von technischen Details und der Fähigkeit abhängen können, sich an äußere Bedingungen anzupassen.
Für Fußballhistoriker und Leser mit Interesse an Sporttechnik ist dieser ungewöhnliche Blick auf das Wunder von Bern 1954 besonders spannend.
Leseempfehlung: Empfehlenswert für alle, die das Wunder von Bern aus einer technischen und biomechanischen Perspektive kennenlernen möchten und sich für Adi Dassler, Schraubstollen und die Entwicklung moderner Fußballschuhe interessieren.
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