Unverdiente Ungleichheit: Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann – Buchrezension zu Martyna Linartas


 Das Buch  Unverdiente Ungleichheit: Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann ist für unsere Reihe besonders interessant, weil es nicht einfach ein Finanzratgeber, sondern eine Mischung aus politischer Analyse, Vermögensforschung und wirtschaftspolitischem Plädoyer ist. Diese Einordnung sollte im Artikel ausdrücklich sichtbar werden.

Ein wichtiger Punkt vorweg: Das Buch beschäftigt sich vor allem mit Vermögenskonzentration, Erbschaften, Erbschaftsteuer und sozialer Mobilität. Wohlstands- und Abstiegssorgen sind eine sinnvolle aktuelle Einordnung, aber nicht der eigentliche Gegenstand des Buches.


Unverdiente Ungleichheit: Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann

Martyna Linartas: Unverdiente Ungleichheit – Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann

Es gibt Finanzbücher, die erklären, wie man Vermögen aufbaut. Es gibt Wirtschaftsbücher, die erklären, wie Märkte funktionieren. Und es gibt Bücher, die eine unbequemere Frage stellen: Warum haben manche Menschen überhaupt die Möglichkeit, Vermögen aufzubauen, während andere mit erheblich schlechteren Ausgangsbedingungen ins Leben starten?

Genau hier setzt die Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas mit Unverdiente Ungleichheit an. Das 2025 bei Rowohlt erschienene Sachbuch mit 320 Seiten untersucht die Vermögensverteilung in Deutschland, die Bedeutung von Erbschaften und Schenkungen, die Entwicklung der Erbschaftsteuer und die politischen Voraussetzungen für eine Veränderung dieser Strukturen. Das Buch stand 2025 auf der Longlist für den NDR-Sachbuchpreis und wurde zudem auf der Sachbuch-Bestenliste geführt. 

Dabei handelt es sich nicht um einen klassischen Finanzratgeber. Linartas schreibt aus der Perspektive der politischen Ökonomie und Ungleichheitsforschung. Ihr Buch ist zugleich Analyse und politisches Plädoyer. Genau diese Unterscheidung ist für die Einordnung wichtig.

Die Kernthese: Nicht Einkommen, sondern Vermögen entscheidet zunehmend über Chancen

Linartas richtet ihren Blick weniger auf die bekannte Frage, wer wie viel verdient, sondern auf eine andere Dimension wirtschaftlicher Ungleichheit: Wer besitzt was?

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Einkommen entstehen überwiegend aus Arbeit, Unternehmertätigkeit, Kapitalerträgen oder Transfers. Vermögen dagegen kann über Jahrzehnte aufgebaut, übertragen und vererbt werden. Wer bereits über Immobilien, Unternehmensanteile, Wertpapiere oder andere Vermögenswerte verfügt, startet deshalb mit einem erheblichen finanziellen Vorsprung.

Linartas argumentiert, dass Deutschland bei der Vermögensverteilung besonders ungleich aufgestellt ist. Die Bundeszentrale für politische Bildung fasst ihre zentrale Argumentation dahingehend zusammen, dass mehr als die Hälfte der Vermögen in Deutschland vererbt oder als Schenkung empfangen wird; bei Milliardenvermögen liegt dieser Anteil nach den von Linartas herangezogenen Schätzungen sogar bei 75 bis 80 Prozent. 

Das ist der Kern des Begriffs „unverdiente Ungleichheit“.

Linartas stellt damit die verbreitete Vorstellung infrage, Vermögen sei überwiegend das Ergebnis individueller Leistung. Wer mit einem großen Vermögen startet, muss dieses Vermögen nicht selbst erwirtschaften, um von seinen Erträgen zu profitieren.

Das ist keine moralische Verurteilung des Erbens. Es ist zunächst eine Analyse der Ausgangsbedingungen.

Was bedeutet „Erbengesellschaft“?

Der Begriff beschreibt eine Gesellschaft, in der Vermögen zunehmend über Generationen weitergegeben wird.

Ein Beispiel verdeutlicht die Logik:

Ein junger Mensch erhält mit 25 Jahren eine Immobilie oder ein größeres Wertpapiervermögen. Ein anderer beginnt sein Berufsleben ohne nennenswerte Rücklagen und muss zunächst Miete zahlen, Konsumkredite vermeiden, Eigenkapital für eine Immobilie ansparen und gleichzeitig für die Altersvorsorge investieren.

Beide können gleich fleißig sein.

Ihre finanziellen Möglichkeiten sind dennoch völlig unterschiedlich.

Das ist für Linartas der entscheidende Punkt: Leistung allein erklärt Vermögensunterschiede nicht.

Erbschaften können dagegen nicht nur bestehende Unterschiede konservieren, sondern durch Kapitalerträge, Immobilienwertsteigerungen und weitere Erbschaften über Generationen hinweg verstärken.

Damit wird das Thema auch für die aktuelle Diskussion über Wohlstandsangst, soziale Mobilität und Abstiegssorgen interessant.

Denn die Angst vor dem sozialen Abstieg ist nicht nur eine Frage des monatlichen Einkommens. Sie hängt auch davon ab, ob ein finanzielles Sicherheitsnetz vorhanden ist.

Vermögensungleichheit ist nicht dasselbe wie Einkommensungleichheit

Das gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen des Buches.

Deutschland verfügt über ein umfangreiches Steuer- und Transfersystem. Dadurch wird die Ungleichheit bei den verfügbaren Einkommen teilweise reduziert.

Bei Vermögen funktioniert dieser Mechanismus deutlich weniger stark.

Linartas argumentiert deshalb, dass eine Gesellschaft relativ moderate Einkommensunterschiede aufweisen kann und gleichzeitig eine extreme Konzentration von Vermögen besitzt. Die bpb verweist in ihrer Zusammenfassung des Buches auf einen Vermögens-Gini von etwa 0,83 für Deutschland.

Das ist finanzpolitisch wesentlich bedeutsamer, als es zunächst klingt.

Denn Vermögen bedeutet nicht nur Konsummöglichkeiten. Vermögen bedeutet auch:

Sicherheit.

Zugang zu Bildung.

Möglichkeit zur Unternehmensgründung.

Wohneigentum.

Altersvorsorge.

Krisenfestigkeit.

politischen und gesellschaftlichen Einfluss.

Wer über finanzielle Reserven verfügt, kann Risiken eingehen, die jemand ohne Rücklagen nicht eingehen kann.

Das zentrale Kapitel: Die Geschichte der Erbschaftsteuer

Besonders interessant wird das Buch dort, wo Linartas die Entwicklung der deutschen Erbschaftsteuer historisch rekonstruiert.

Sie verfolgt deren Entwicklung von der Weimarer Republik über verschiedene wirtschaftspolitische Phasen bis in die Gegenwart. Ihr Befund lautet vereinfacht: Die Bedeutung der Erbschaftsteuer als Instrument zur Begrenzung von Vermögenskonzentration wurde zunehmend abgeschwächt.

Das ist einer der anspruchsvolleren Teile des Buches, weil Linartas damit nicht nur aktuelle Steuerpolitik kritisiert, sondern fragt:

Warum wurde die Besteuerung von Vermögen politisch so gestaltet, wie sie heute ist?

Damit wird das Buch zu einer Geschichte politischer Ideen.

Linartas untersucht den Einfluss verschiedener wirtschaftspolitischer Denktraditionen und stellt insbesondere die Entwicklung des Neoliberalismus in den Mittelpunkt.

Die Wirtschaftselite kommt selbst zu Wort

Eine interessante Besonderheit sind Interviews mit Führungskräften aus der deutschen Wirtschaft.

Linartas führte zwischen 2020 und 2022 Gespräche mit 18 Personen aus der Wirtschaftselite, darunter Manager von DAX-Unternehmen. Sie fragt unter anderem, wie diese Menschen Ungleichheit, Staat, Steuern und Erbschaftsteuer beurteilen.

Das ist methodisch interessant, weil die Autorin damit nicht ausschließlich über die Wirtschaftselite schreibt, sondern deren Vertreter selbst zu Wort kommen lässt.

Ein bemerkenswertes Ergebnis ihrer Untersuchung: Die Mehrheit der Befragten erkennt Ungleichheit durchaus als Problem an. Gleichzeitig werden häufig Bildung und Leistung als entscheidende Instrumente für mehr Chancengerechtigkeit genannt. Linartas stellt dem die Bedeutung von Erbschaften und Startvermögen gegenüber. 

Damit entsteht eine zentrale Kontroverse des Buches:

Reicht Chancengleichheit bei Bildung und Arbeit aus, wenn die Vermögensausstattung der Familien extrem unterschiedlich ist?

Linartas beantwortet diese Frage eindeutig mit Nein.

Das Grunderbe: Linartas' Lösungsvorschlag

Der vielleicht interessanteste Vorschlag des Buches ist das Grunderbe.

Die Idee ist vergleichsweise einfach: Junge Menschen sollen beim Eintritt ins Erwachsenenleben ein bestimmtes Startvermögen erhalten. Damit würde nicht erst im hohen Alter umverteilt, sondern bereits am Beginn des eigenständigen Lebens ein finanzieller Grundstock geschaffen.

Die Wirkung könnte erheblich sein.

Ein solches Startkapital könnte beispielsweise genutzt werden für:

eine Ausbildung,

ein Studium,

die Gründung eines Unternehmens,

den Erwerb von Wohneigentum,

eine langfristige Geldanlage

oder den Aufbau einer Altersvorsorge.

Die entscheidende Idee lautet:

Nicht nur Einkommen umverteilen, sondern Vermögensbildung ermöglichen.

Das unterscheidet das Grunderbe von klassischen Sozialtransfers.

Ist das Grunderbe finanzwissenschaftlich überzeugend?

Hier beginnt der Teil, den ich aus Sicht eines Finanzexperten besonders wichtig finde.

Die Idee besitzt einen interessanten ökonomischen Ansatz: Wenn Vermögen Chancen schafft, könnte eine breitere Verteilung von Startvermögen auch die wirtschaftliche Teilhabe verbessern.

Aber daraus folgt noch nicht, dass das Grunderbe automatisch die beste Lösung ist.

Entscheidend wären mindestens fünf Fragen:

Wie hoch soll das Grunderbe sein?

Wer soll es erhalten?

Wie wird es finanziert?

Wofür darf es verwendet werden?

Welche Auswirkungen hätte es auf Sparverhalten, Immobilienpreise und Kapitalmärkte?

Hinzu kommt ein grundlegendes Problem: Wenn gleichzeitig große Vermögen weitergegeben werden können, entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Grunderbe und Erbschaftsteuer.

Linartas löst dieses Problem nicht einfach durch eine einzelne Maßnahme, sondern argumentiert für eine umfassendere Reform der Vermögensbesteuerung.

Was das Buch mit der heutigen Wohlstandsangst zu tun hat

Hier wird Unverdiente Ungleichheit besonders aktuell.

Viele Menschen erleben heute eine merkwürdige Kombination:

Sie arbeiten, verdienen Geld und sparen – und haben trotzdem das Gefühl, wirtschaftlich nicht voranzukommen.

Ein wesentlicher Grund kann darin liegen, dass Vermögenspreise schneller steigen als Einkommen.

Wer beispielsweise bereits eine Immobilie besitzt, profitiert von steigenden Immobilienpreisen. Wer noch keine besitzt, benötigt dagegen immer mehr Eigenkapital, um überhaupt in den Markt einzusteigen.

Das gleiche Prinzip gilt für Kapitalmärkte.

Wer bereits 500.000 Euro investiert hat, profitiert von einer bestimmten prozentualen Rendite erheblich stärker als jemand, der erst 10.000 Euro ansparen konnte.

Das bedeutet:

Vermögen erzeugt neues Vermögen.

Genau diese Dynamik macht Linartas' Argument für die aktuelle Diskussion über Wohlstand und soziale Mobilität relevant.

Aber: Wohlstandsangst ist nicht automatisch Armut

Hier sollte man das Buch allerdings differenziert lesen.

Nicht jede Abstiegsangst bedeutet tatsächlichen sozialen Abstieg.

Ein Haushalt kann ein gutes Einkommen besitzen und sich trotzdem wirtschaftlich unsicher fühlen, weil Immobilienpreise steigen, die Altersvorsorge unklar ist oder die eigene berufliche Situation unsicher erscheint.

Deshalb sollte man subjektive Wohlstandsangst und objektive Vermögensungleichheit nicht gleichsetzen.

Das Buch liefert starke Argumente zur Vermögensverteilung. Es erklärt aber nicht jede Form individueller Zukunftsangst.

Was ich an dem Buch besonders überzeugend finde

Linartas gelingt es, ein Thema sichtbar zu machen, das in vielen persönlichen Finanzratgebern fehlt:

Der Ausgangspunkt eines Vermögensaufbaus ist nicht für alle Menschen gleich.

Das ist eine wichtige Ergänzung zu der klassischen Finanzbotschaft:

„Investiere früh, spare regelmäßig und lass dein Geld arbeiten.“

Dieser Rat ist grundsätzlich sinnvoll.

Aber er funktioniert unterschiedlich gut, je nachdem, ob jemand monatlich 200 Euro investieren kann oder ob bereits eine geerbte Immobilie und ein sechsstelliger Kapitalstock vorhanden sind.

Finanzielle Bildung bleibt wichtig.

Aber finanzielle Bildung kann unterschiedliche Startbedingungen nicht vollständig ausgleichen.

Das ist eine der stärksten Einsichten des Buches.

Wo ich Linartas kritisch sehe

Gerade weil das Buch engagiert geschrieben ist, sollte man seine politische Perspektive nicht mit einem wissenschaftlichen Konsens verwechseln.

Eine Rezension im Portal für Politikwissenschaft würdigt die fundierte Analyse und beschreibt das Buch als wichtigen Beitrag zur Ungleichheitsdebatte. 

Gleichzeitig gibt es auch deutlich kritischere Stimmen. In der öffentlichen Debatte wurde Linartas unter anderem eine einseitige Quellenauswahl und argumentative Einseitigkeit vorgeworfen. 

Das ist für die Bewertung entscheidend.

Linartas untersucht nicht ausschließlich, wie Vermögensungleichheit funktioniert. Sie entwickelt daraus auch eine normative Position darüber, wie eine gerechtere Gesellschaft aussehen sollte.

Damit bewegt sich das Buch Unverdiente Ungleichheit teilweise von der Fachanalyse in Richtung politischer Essay.

Für die Buchschau habe ich das Buch deshalb folgendermaßen einordnet:

Fachliteratur: teilweise
Politische Ökonomie: stark
Politischer Essay: deutlich
Populärwissenschaftliches Sachbuch: ebenfalls

Das macht das Buch keineswegs weniger wertvoll. Es macht lediglich deutlich, welche Art von Buch man in den Händen hält.


Was bedeutet das für den privaten Vermögensaufbau?

Ausgerechnet für Leser, die sich intensiv mit persönlichem Vermögensaufbau beschäftigen, kann das Buch eine wichtige Gegenperspektive liefern.

Es erinnert daran, dass Vermögensaufbau nicht ausschließlich eine Frage von Disziplin und Rendite ist.

Aber daraus sollte nicht der Schluss gezogen werden:

„Individuelles Sparen bringt nichts.“

Im Gegenteil.

Für den Einzelnen bleiben langfristiges Investieren, Kostenkontrolle, finanzielle Bildung und ein vernünftiger Umgang mit Schulden wichtige Instrumente.

Die Erkenntnis aus Linartas lautet vielmehr:

Persönliche Finanzstrategie und gesellschaftliche Vermögensverteilung sind zwei verschiedene Ebenen.

Man kann persönlich sehr vernünftig wirtschaften und trotzdem in einem System leben, in dem Vermögen sehr ungleich verteilt ist.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.


Do-to: Was kann man persönlich aus „Unverdiente Ungleichheit“ lernen?

1. Nicht nur auf Einkommen schauen.
Für die eigene Finanzplanung ist das Nettovermögen mindestens ebenso wichtig wie das monatliche Einkommen.

2. Vermögensaufbau früh beginnen.
Wer keine Erbschaft erwartet, sollte den Aufbau eigener Vermögenswerte möglichst früh beginnen.

3. Zinseszins ernst nehmen.
Kleine regelmäßige Beträge können über Jahrzehnte einen erheblichen Kapitalstock bilden.

4. Finanzielle Bildung nicht unterschätzen.
Kenntnisse über ETFs, Aktien, Immobilien, Steuern und Altersvorsorge können die eigenen Handlungsmöglichkeiten verbessern.

5. Erbschaften nüchtern betrachten.
Eine Erbschaft ist nicht nur eine Vermögensübertragung, sondern kann den finanziellen Lebensweg einer ganzen Generation verändern.

6. Politische und persönliche Fragen trennen.
Die Frage, ob Erbschaften stärker besteuert werden sollten, ist eine politische Frage. Die Frage, wie man persönlich Vermögen aufbaut, ist eine Finanzfrage.

7. Wohlstandsangst überprüfen.
Nicht jedes Gefühl des wirtschaftlichen Abstiegs entspricht einem tatsächlichen Vermögensverlust. Die eigene finanzielle Situation sollte anhand von Einkommen, Ausgaben, Schulden, Rücklagen und Nettovermögen analysiert werden.


Für wen ist das Buch besonders interessant?

Für Anleger: als gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Ergänzung zur klassischen Finanzliteratur.

Für Unternehmer: weil das Buch die Frage aufwirft, welche Rolle Eigentum, Unternehmertum und vererbte Unternehmensanteile bei der Vermögensverteilung spielen.

Für Gutverdiener: weil es verdeutlicht, dass hohes Einkommen und großes Vermögen zwei unterschiedliche Dinge sind.

Für junge Erwachsene: weil die Frage nach Startkapital, Wohneigentum und Erbschaften unmittelbar die eigene Zukunft betrifft.

Für politisch und wirtschaftlich Interessierte: weil Linartas Steuerpolitik, Vermögensverteilung und Demokratie miteinander verbindet.


Mein Fazit

Unverdiente Ungleichheit ist kein Buch darüber, wie man reich wird.

Es ist ein Buch darüber, warum manche Menschen bereits mit einem erheblichen finanziellen Vorsprung starten und andere diesen Vorsprung ihr ganzes Leben lang nicht aufholen können.

Seine größte Stärke ist die konsequente Konzentration auf Vermögen statt ausschließlich auf Einkommen. Besonders überzeugend ist die historische Betrachtung der Erbschaftsteuer und die Verbindung von Vermögensverteilung, sozialer Mobilität und politischer Gestaltung.

Seine größte Schwäche ist zugleich seine politische Positionierung. Linartas argumentiert engagiert für eine stärkere Besteuerung großer Vermögen und für das Grunderbe. Wer eine vollständig neutrale Darstellung aller ökonomischen Positionen erwartet, wird das Buch deshalb möglicherweise als einseitig empfinden.

Für eine anspruchsvolle Buchschau ist genau das aber interessant.

Denn Unverdiente Ungleichheit eignet sich hervorragend, um eine zentrale Frage unserer Zeit zu diskutieren:

Ist wirtschaftlicher Erfolg in Deutschland tatsächlich hauptsächlich eine Frage von Leistung – oder entscheidet das Vermögen, mit dem jemand ins Leben startet, immer stärker darüber, welche Möglichkeiten ihm offenstehen?

Linartas beantwortet diese Frage eindeutig. Der Leser muss ihr nicht in jedem Punkt folgen. Aber er sollte sich mit ihrer Argumentation auseinandersetzen.

Bewertung

Analyse der Vermögensungleichheit: ★★★★★
Historische Einordnung: ★★★★☆
Politische Relevanz: ★★★★★
Finanzielle Praxis: ★★★☆☆
Wissenschaftliche Ausgewogenheit: ★★★☆☆
Verständlichkeit: ★★★★☆
Diskussionswert: ★★★★★

Gesamturteil: ★★★★½ von 5 Sternen

Leseempfehlung: Ja – besonders für Leser, die über persönliche Geldanlage hinausdenken möchten.


Einordnung in die Buchschau-Reihe

Mit diesem Buch verschiebt sich der Blick von der individuellen Vermögensbildung zur gesellschaftlichen Verteilung von Vermögen.

Das ist eine wichtige Ergänzung zu klassischen Finanzbüchern.

Während etwa ein Buch über ETFs erklärt, wie ein Einzelner Kapital aufbauen kann, fragt Linartas:

Wer besitzt das Kapital bereits – und warum?

Damit eignet sich Unverdiente Ungleichheit hervorragend als Gegenstück zu Büchern über Finanzielle Freiheit, Vermögensaufbau, Aktienanlage und persönliche Erfolgsstrategien.

Gerade für die 2026er Reihe „Finanz-, Wirtschafts- und Erfolgsbücher“ würde ich es allerdings ausdrücklich als politökonomisches Sachbuch mit essayistischem Charakter kennzeichnen und nicht als klassischen Finanzratgeber.

Rowohlt veröffentlichte die gebundene Ausgabe am 15. April 2025, sie umfasst 320 Seiten; 2025 stand das Buch auf der Longlist des NDR-Sachbuchpreises, 2026 wurde es außerdem für den Preis Das politische Buch geführt. 


Fazit

Martyna Linartas' „Unverdiente Ungleichheit – Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann“ ist ein politökonomisches Sachbuch über Vermögensungleichheit, Erbschaften, Erbschaftsteuer, soziale Mobilität, Wohlstandsangst und Chancengerechtigkeit in Deutschland. Linartas untersucht, warum Vermögen in Deutschland besonders ungleich verteilt ist, welche Rolle vererbtes Vermögen spielt und wie eine Reform der Vermögensbesteuerung aussehen könnte. Mit dem Konzept des Grunderbes stellt sie einen konkreten politischen Lösungsvorschlag vor. Das Buch ist besonders interessant für Leser, die sich mit Vermögensaufbau, sozialer Ungleichheit, Erbschaften, Steuern, Wirtschaftspolitik und der Zukunft der Mittelschicht beschäftigen.

Unverdiente Ungleichheit, Martyna Linartas, Vermögensungleichheit Deutschland, Erbschaftsteuer, Erbengesellschaft, Grunderbe, soziale Ungleichheit, Wohlstandsangst, Mittelschicht, Vermögensaufbau, Erbschaften, soziale Mobilität, Chancengerechtigkeit, Wirtschaftspolitik, politische Ökonomie.

Ein weiteres prominentes Buch, das sich aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht mit diesem Zustand beschäftigt, ist „Die neue Einsamkeit: Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können“ von Diana Kinnert.

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